Rosshaar war früher kein luxuriöses Material, doch seine faszinierende Eleganz ist nie bestritten worden. Erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts wurden die Vorteile dieses Materials von Polstemöbelherstellern erkannt.
Im Jahr 1760 ließ beispielsweise Thomas Chippendale seine Bibliotheks-, Salon-, und Esszimmerstühle mit Rosshaar beziehen. George Hepplewhite bezeichnete 1789 in seinem Katalog Rosshaar als bestes Bezugsmaterial für Mahogonistühle in Rips, Satin, Streifen und Jacquard.
Bis zum Ende des ersten Weltkrieges wurde Rosshaar in ganz Nord Europa in kleinen Fabriken gewebt. Rosshaar empfahl sich in der sich ausdehnenden viktorianischen Mittelklasse als besonders strapazierfähig, pflegeleicht und daher als preiswerter und langlebiger Bezugsstoff. Nicht einmal Hitze und Feuchtigkeit schaden diesem robusten Material.

Aus natürlichen Gründen richtet sich die Herstellung des Stoffes nach der Länge des Pferdeschweifes. Die Breite der Stoffe ist auf maximal 76cm (30 Inch) begrenzt.
Die unterschiedliche Stärke eines jeden Pferdehaares ist übrigens auch eine Gegebenheit, die hingenommen werden muss. Das Haar ist an der Wurzel dicker und am Ende dünner. Um ein gleichmäßiges Gewebe zu produzieren, muss erst ein dickes und dann ein dünnes Haar verarbeitet werden. Dies wird erreicht, indem zwei Bündel Haare an der Seite des Webstuhls eingespannt werden. Ein Bündel mit dem dicken Ende oben und ein Bündel mit dem dünnen Ende oben. Ein Picker ist an einem Schwenkarm befestigt, der abwechselnd je ein dickes und ein dünnes Haar entnimmt.

Seit 1872 ist es möglich, Rosshaar mechanisch zu weben; zuvor wurde Rosshaar traditionell von Hand gewebt. Der Webmechanismus wird dabei durch Holzplättchen bestimmt, in denen Stifte eingesetzt sind. Die Holzplättchen sind in einer bestimmten Reihenfolge an Ketten gehalten und ergeben eine ähnliche Wirkung wie bei Jacquard-Karten. Der Charakter der entstehenden Damast Dessins, welche Gitter, Vertikal- und Horizontalstreifen, Rautenformen und Sterne zeigen, spiegelt die Tradition des Webens von klassischen Mustern seit dem 18.Jahrhundert wieder.



Farben der Rosshaarstoffe

Da weltweit nur noch wenige Webstühle mit den erforderlichen technischen Ausrüstungen für die Herstellung von Rosshaarstoffen vorhanden sind, ist die Produktion sehr begrenzt. Heute wird Rosshaar meist aus China importiert. Dort wird es gereinigt, desinfiziert und fein gebündelt nach Länge und Farbe geliefert. Die Farben sind Schwarz und gemischtes Grau, welches auch die Farben braun und weiß enthält. Natürliches weißes Haar dagegen ist sehr selten, da es vor allem für die Herstellung von Streichbögen für Musikinstrumente benötigt wird.
Wenn natürliche Farben verlangt werden, wird das Haar einer Heißwasserfärbung ausgesetzt, denn dann bleibt die Farbe konstant - selbst unter starker Sonneneinstrahlung. Auch das schwarze Haar wird gefärbt; nur die gemischten Grautöne werden so verarbeitet wie sie sind.



Elegante Rosshaarstoffe

Als einer der traditionellen Rosshaarstoffe gilt der Satin. Schlicht gewebt, die Haare an der Oberfläche und die Baumwollkette auf der Stoffrückseite. Da das Haar die stärkere der beiden Fasern ist und an der Oberfläche liegt, macht es dieses Material so enorm strapazierfähig. Rosshaar wird aber auch als Rips angeboten. Ebenfalls schlicht gewebt, doch durch gleichmäßiges Proportionieren von Schusshaar und Baumwollkette, erhält der Stoff eine mattere Optik als der oberflächenglatte Satin. Wurden die Rosshaar-Bezugsstoffe bisher für antike Polstermöbel verwendet, so gelangen sie heute immer mehr auch in der modernen Raumausstattung zum Einsatz.

Rosshaar kann im übrigen auch als Wandbespannung verarbeitet werden. Realisiert wurde dies bereits in den Opernhäusern von Essen und Helsinki bzw. in den Staatsgebäuden und Palästen verschiedener Länder.
Der aktuelle Trend zu hochwertigen, antiken Möbeln, vorwiegend im Bereich des Biedermeier und der englischen Stilrichtungen, hat zu einer Renaissance der altbewährten, traditionellen Rosshaarstoffe geführt.
Rosshaarstoffe sind qualitativ hochwertige Möbelstoffe, die nicht nur bei antiken Sitzmöbeln Verwendung finden, sondern, durch neue Farben und Muster, auch im moderneren Bereich immer mehr Liebhaber gewinnen.
Die Stoffe sind aus einer Baumwollkette und einem Rosshaarschussfaden gewebt. Da Rosshaarstoffe aus 32% Baumwolle und 68% Rossschweifhaaren bestehen, ist das Gewebe dicht, fest und auch etwas steif, aufgrund des größeren Rosshaaranteils in der Gewebeherstellung. Diese Eigenschaft erfordert eine besonders gute und feste Polsterung der Möbel. Nur bei einem guten Polster lässt sich Rosshaar richtig verarbeiten. Rosshaarstoffe finden vor allem bei Stühlen mit einer Flachpolstereinlage Verwendung, werden aber auch bei Möbelstücken, die mit einer Federpolsterung ausgestattet sind sowie bei Vollpolstermöbeln – Sessel oder Sofa – eingesetzt. Für weiche Polster oder lose Daunenkissen kommt die Anwendung des Rosshaarstoffes allerdings nicht in Frage.